Differenzierung Psychologie Beispiel Essay

Allgemeine Psychologie und Spezielle Psychologien
Daß nach der Definition der Studienreformkommission Psychologie das Fach "Allgemeine Psychologie" drei speziellen Fächern vorgelagert sein soll, nämlich der Differentiellen Psychologie sowie der Sozialpsychologie und Entwicklungspsychologie, ist entweder didaktisch oder ontologisch zu verstehen. In didaktischer Hinsicht kann man Allgemeine Psychologie als Schnittmenge, d.h. als gemeinsamen Bestand der drei genannten Speziellen Psychologien betrachten. Vermittelt man im Unterricht diese Schnittmenge vorab, erspart man sich deren mehrfache Wiederholung in den drei Spezialfächern. Ontologisch betrachtet umfaßt Allgemeine Psychologie mehr als nur eine Schnittmenge. Entstanden ist der Begriff der Allgemeinen Psychologie jedenfalls aus dem ontologischen Verständnis. Die Schulphilosophie hat Ontologie als eigene wissenschaftliche Disziplin betrieben. Ontologie sollte eine Abstraktion der Wirklichkeit vornehmen, indem sie einerseits die Betrachtung auf das Wesentliche und Dauerhafte richtet, andererseits das als wesentlich und dauerhaft Erkannte nach Klassen, Gattungen u.ä. ordnet (Kremer, 1984). Psychologie wurde Teil der Ontologie, als sie die Aufgabe übernahm, jene Abstraktion im Bereich des Psychischen zu leisten. So bestimmte sie grundlegende und unverzichtbare Funktionen des Seelischen (Wahrnehmung, Gedächtnis u.a.), grenzte diese voneinander ab und zeigte deren Verbindung zu einem einheitlichen Seelenwesen.
Dem ontologischen Ansatz hat sich die Psychologie verpflichtet, als im 18. Jahrhundert unter der Vorherrschaft des Rationalismus ihr Aufstieg zu einer wissenschaftlichen Disziplin begann. Einschlägige Lehrbücher waren peinlich darauf bedacht, die Funktionen des Bewußtseins und des im Bewußtsein reflektierten Verhaltens abzugrenzen und zu ordnen. Die Beschreibung psychischer Funktionen sollte den menschlichen Geist in seiner Vollkommenheit darstellen, wie er in idealer Sicht dem Menschen als Gattung zukam. Die Beschreibung sollte somit über individuelle und kulturelle Eigenarten hinweg gelten; sie sollte das Abnorme (z.B. Wahnsinn, Verbrechen; abnorme Persönlichkeit) ebenso ausschließen wie das Unfertige (z.B. das Denken von Kindern und in sog. primitiven Völkern).
Mit dem Aufkommen der Romantik hat sich die Psychologie im 19. Jahrhundert grundlegend erneuert. Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis war nach romantischem Wissenschaftsverständnis nicht mehr die überdauernde ideale Ordnung. Vielmehr interessierten die Vielfalt mit allen ihren Stärken und Schwächen sowie der Wandel von Individuen und Gemeinschaften, wie er sich bei deren Entwicklung unter verschiedenen ökologischen und kulturellen Bedingungen vollzog. Zudem machte aus romantischer Sicht nicht nur der Verstand die Seele des Menschen aus, sondern auch seine Empfindsamkeit und sein Gefühl, nicht nur das klare Erkennen und Wollen, sondern auch das dunkle Ahnen und Streben (Leib-Seele-Problem). Die vorher übergangenen psychischen Besonderheiten wurden daher in die wissenschaftliche Betrachtung einbezogen. Eigenarten der Kinder und der sog. Primitiven, Eigentümlichkeiten von Kulturen und von individuellen Charakteren sowie Erscheinungen jenseits der Normalität wurden zu bevorzugten Themen wissenschaftlicher Betrachtung. Spezielle Forschungszweige wie Charakterologie und Völkerkunde breiteten sich aus. Einen Teil von ihnen nahm die Psychologie in ihren Kanon auf. Für sie findet man die gemeinsame Bezeichnung "Spezielle Psychologien"; einige Autoren faßten sie unter der Bezeichnung "Vergleichende Psychologie" zusammen.
Der ontologisch orientierte Ansatz in der Psychologie verlor seine Ausschließlichkeit und erhielt zur besseren Unterscheidung von der "Vergleichenden Psychologie" bzw. den "Speziellen Psychologien" den Zusatz "generell" oder "allgemein". Im 20. Jahrhundert wurde die Trennung von Allgemeiner Psychologie auf der einen Seite und insbesondere Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Sozialpsychologie auf der anderen zu einer der Selbstverständlichkeiten im Konzept der Psychologie als moderner Einzeldisziplin (Schönpflug, 2000).

Taxonomie psychischer Funktionen
Aufgrund ihrer ontologischen Tradition fällt der Allgemeinen Psychologie eine besondere Zuständigkeit für die Taxonomie psychischer Funktionen zu. Auch die Studienreformkommission hat eine solche Taxonomie in ihre Fachbeschreibung aufgenommen und von "Wahrnehmung" bis "Wissen" eine Reihe wichtiger Funktionen aufgezählt. In ihrer Breite entspricht die Aufzählung dem Inhalt bewährter Lehrbücher. Selbst die gegenwärtig im Erscheinen begriffene Enzyklopädie der Psychologie sieht für ihre fünfzehn der Allgemeinen Psychologie gewidmeten Einzelbände (ab 1983) kein Thema vor, das den von der Kommission abgesteckten Rahmen sprengt.
Taxonomien psychologischer Funktionen sind hierarchisch angelegt. Ihre Kategorien lassen sich jeweils auf höherer Ebene zusammenfassen, auf niedrigerer Ebene teilen. Zum Beispiel schließt der Begriff "Kognition" die Begriffe "Wahrnehmung" und "Denken" ein. So läßt sich die Taxonomie psychischer Funktionen durch mehrfache Teilung von Kategorien verfeinern. Zum Beispiel wird die Kategorie "Informationsaufnahme" oft in "Wahrnehmung" (d.h. dann Wahrnehmung von Gegenständen) und "Empfindung" (d.h. dann Sinnesempfindungen) geteilt. Diese Unterkategorien lassen sich weiter differenzieren (einerseits in "Raumwahrnehmung", "Zeitwahrnehmung", "Personenwahrnehmung" u.ä., andererseits in "Farbempfindungen", "Tonempfindungen", "Tastempfindungen" u.ä.). Über die folgenden in allgemeinpsychologischen Taxonomien regelmäßig vertretenen Funktionen gibt dieses Lexikon eingehender Auskunft: Denken, Emotion, Gedächtnis, Handlung, Kognition, Lernen, Motivation, Problemlösen, Sprache, Vorstellung bzw. Phantasie, Wahrnehmung, Wissen. Der Vertiefung dieser Darstellungen dienen weitere Stichworte wie Angst, Entscheidung, Fehler, Psychophysik, Zeiterleben, Zielsetzung.

Allgemeine Psychologie I und Allgemeine Psychologie II als Teilfächer
Das Reformwerk von 1985 hat in Deutschland die Allgemeine Psychologie in Form zweier Teilfächer I und II in den Diplomstudiengang eingeführt. Dies wurde mit dem Umfang des Faches begründet. Ungeachtet mehrerer Möglichkeiten, die Stoffmenge zu teilen, sind die meisten Ausbildungsinstitute in Deutschland dem Vorschlag der Studienreformkommission gefolgt, dem Teilfach Allgemeine Psychologie I die Schwerpunkte "Wahrnehmung, Kognition, Sprache", dem Teilfach Allgemeine Psychologie II die Schwerpunkte "Emotion, Motivation, Lernen" zuzuordnen (Kultusministerkonferenz, 1985, S. 14).
Zwischen den genannten Schwerpunkten verläuft eine Trennlinie, die gleichfalls bis in den Ursprung der Psychologie in der Philosophie zurückzuverfolgen ist. Auf der einen Seite der Trennlinie sind innerhalb der Philosophie Erkenntnistheorie und Logik angesiedelt. Psychologie hat, als sie sich im Rationalismus als Lehre vom Bewußtsein verstand, vor allem menschliches Erkennen und Urteilen zu ihrem Thema gemacht – die Fülle der Empfindungen, die Komplexheit der Wahrnehmung, die Ordnung der Begriffe, die Tiefe der Einsicht und die Reichweite von Schlußfolgerungen. Deren Wechselwirkungen mit Bedürfnissen, Emotionen und Tätigkeiten waren in der rationalistischen Psychologie randständige Themen. Dagegen waren Emotionen, Willensprozesse und Handlungen zentrale Themen der Morallehren (s. Schönpflug, 2000). Auf dem Höhepunkt des deutschen Idealismus hat Hegel (1830/1970, S. 229 ff.) in seiner für die Hochschullehre wegweisenden Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften der Psychologie die "Erscheinungen des subjektiven Geistes mit seinen Vermögen wie Vorstellen, Erinnern" als Gegenstand zugewiesen. Dabei trennte er den theoretischen Geist (Wissen und Erkennen) vom praktischen Geist (Wille und Gefühl).
Die gegenwärtig in Deutschland überwiegend eingerichteten Teilfächer Allgemeine Psychologie I und II sind ihrer Konzeption nach also keineswegs moderne Neuschöpfungen. Vielmehr sind es spätmoderne Institutionalisierungen rationalistischer Wissenschaftsstrukturen. Dabei erzeugt die Trennung der Teilfächer Allgemeine Psychologie I und II bzw. der Lehr- und Forschungsbereiche Kognition/Sprache und Motivation/Emotion/Handlung mitunter Unbehagen. Oft wird das Argument laut, die vielfachen Verknüpfungen und Gemeinsamkeiten der beiden Teilfächer verlangten eher ihre Integration.

Methodische Besonderheiten der Allgemeinen Psychologie als Funktionenlehre
"Allgemeine Psychologie versucht, Erkenntnisse … in generell gültige Aussagen zu bringen", formulierte die Studienreformkommission mit einer Portion Skepsis. In der Tat gehört Allgemeingültigkeit von wissenschaftlichen Aussagen zu den Forderungen des Rationalismus, in dessen Nachfolge sich die Allgemeine Psychologie befindet wie keine andere psychologische Richtung. Die oben angemerkte Skepsis erklärt sich aus den inzwischen gewachsenen Zweifeln an der Existenz einer und nur einer allgemein geltenden Wahrheit sowie der Kraft der Vernunft, sich diese Wahrheit anzueignen. Doch hat gerade die moderne Psychologie Methoden für sich entdeckt, deren Anwendung Vorzüge verspricht, die dem Ideal der objektiven Wahrheit verwandt sind – Verläßlichkeit, Verallgemeinerbarkeit und Systematik von Beschreibungen. Es war die Allgemeine Psychologie, welche diese Methoden besonders gepflegt und zu ihrer Fortentwicklung benutzt hat. Die zwei wichtigsten methodischen Ansätze waren das Experimentieren und das mathematische Modellieren.
Das Experimentieren der Allgemeinen Psychologie (Experiment) vollzog sich vor allem in Laboratorien und mit Apparaten (Darbietungs- und Meßapparaturen). Im Planversuch wurden theoretisch bedeutsame Bedingungsvariationen und -kombinationen systematisch durchprobiert. Das sich dabei einstellende Erleben und Verhalten wurde differenziert erfaßt und möglichst objektiv registriert. Ziele waren die Auflösung komplexer psychischer Prozesse und Leistungen in ihre Komponenten sowie ein differenzierter Nachweis ihrer Genese. Beispiele sind die Trennung von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnissen (Gedächtnis) sowie die Trennung eines sensorischen und eines motorischen Anteils in Muskelreaktionen.
Mathematische Darstellungen verallgemeinern Begriffe und deren Beziehungen. Insofern können mathematische Modelle von empirischen Befunden Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben. In der Allgemeinen Psychologie hat man aus diesem Grunde oft mathematische Darstellungen benutzt. Insbesondere in der Wahrnehmungs-, der Lern- und der Entscheidungstheorie haben sich mathematische Modelle als recht aufschlußreich erwiesen (Mathematische Psychologie). Die Allgemeine Psychologie hat sich weiterhin zunehmend statistischer Methoden bedient, um Mittelwerte als Kollektivmaße zu bestimmen (Statistik). Die Erwartung war, daß Kollektivmaße weniger von Fehlern behaftet sind und den auf sie gestützten Aussagen mehr Allgemeingültigkeit zukommt. Allerdings wurde dem gerade in der Allgemeinen Psychologie entgegengehalten, daß die Varianz um Mittelwerte bedeutsame Information enthält, die der experimentellen Aufklärung bedarf; zur Allgemeingültigkeit trage daher die experimentelle Analyse mehr bei als die statistische. Im übrigen zeichnet sich die Allgemeine Psychologie bei der Entwicklung und Anwendung von statistischen Verfahren keineswegs vor anderen psychologischen Fächern aus.

Allgemeine Psychologie als Metatheorie
Die Studienreformkommission hat schließlich angeregt, innerhalb der Allgemeinen Psychologie möge "historischen Entwicklungen, Erweiterungen und Gewichtsverschiebungen angemessen Rechnung getragen werden"; es biete sich "die Chance, ein zusammenhängendes Verständnis der derzeitigen anthropologischen Perspektive der Psychologie zu vermitteln" (Kultusministerkonferenz, 1985, S. 14). Solche Empfehlungen bestärken die Allgemeine Psychologie in einer Rolle jenseits der oben geschilderten Lehre von den psychischen Funktionen: als Metapsychologie bzw. als Metatheorie aller oder einiger psychologischen Fächer. Themen für eine solche Metatheorie sind: strukturelle Zusammenhänge zwischen psychologischen Lehr- und Forschungsprogrammen, Erkenntnistheorie für Psychologen, Soziologie der Psychologie als Wissenschaft und Beruf, Geschichte der Psychologie. Allerdings gedeihen solche Themenschwerpunkte auch ohne ausdrückliche Einbindung in die Allgemeine Psychologie. Zum Beispiel wird Geschichte der Psychologie an einzelnen Orten als Teil der Allgemeinen Psychologie gelehrt, an anderen Orten bildet sie ein selbständiges Studienprogramm.

Literatur
Enzyklopädie der Psychologie (1983ff.). Serie C. Theorie und Forschung. (Band 2. Kognition. Band 3. Sprache. Band 4. Motivation und Emotion.). Göttingen: Hogrefe.
Hegel, G. W. F. (1970). Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. Werke (Band 10), (hrsg. von E. Moldenhauer & K. M. Michel). Frankfurt a. M.: Suhrkamp. (Original erschienen 1830).
Kremer, K. (1984). Ontologie. In J. Ritter & K. Gründer (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie (Band 6, S. 1189-1198). Basel: Schwabe.
Kultusministerkonferenz (1985). Empfehlungen der Studienreformkommission Psychologie. Bonn: Sekretariat der Kultusministerkonferenz.
Schönpflug, W. (2000). Geschichte und Systematik der Psychologie. Weinheim: Beltz/Psychologie VerlagsUnion.

Ausbildung und rechtliche Absicherung des Psychologenberufs
Weltweit bestehen beträchtliche Unterschiede hinsichtlich Ausbildung und Lizensierung von Psychologen. Zwar ist beispielsweise die Dauer universitärer Ausbildung in den meisten europäischen Ländern vergleichbar (fünf – sechs Jahre, allerdings mit einer Bandbreite von vier – acht Jahren), aber strukturell sind die Ausbildungsgänge sehr verschieden. Es lassen sich zumindest drei Ausbildungsmuster unterscheiden: das "drei-plus-zwei-plus-drei Jahresmuster" (mit Doktorat als Abschluß), das "fünf-Jahre Spezialistenmuster" und das "fünf Jahre Generalistenmuster" (Lunt, 1992). Wichtiger dürften aber Unterschiede der Ausbildungsphilosophie sein, die mit den strukturellen Unterschieden einhergehen: Generalistenausbildung wie in Deutschland oder Spezialistenausbildung wie in Frankreich. Was hier am Beispiel Europas gezeigt wird, gilt mutatis mutandis auch über bestehende Unterschiede weltweit.
Beachtliche Differenzen bestehen ebenso hinsichtlich des Rechtsschutzes und der Lizensierung beruflicher Praxis als Psychologen. In einigen Ländern erfolgt die Lizensierung über nationale Gesellschaften der Psychologie (England) oder durch staatliche Gesetze mit obligatorischer Registrierung (Südafrika), in manchen Ländern erfolgt der Rechtsschutz über einen Universitätsabschluß (Deutschland), andere haben unverbindliche oder keinerlei Regularien (Indien). Wo entsprechende Regelungen nicht bestehen, sind tendenziell in den meisten Ländern jedoch Bemühungen im Gange, den Schutz des Psychologenberufes und seiner Ausübung zu regeln.

Regionalisierung und Internationalisierung der Psychologie
Im Jahre 1989 begann in Paris mit dem ersten internationalen Psychologiekongreß die Serie solcher Kongresse, die, anfänglich von kleinen Gruppen organisiert, in Abständen von 3 bis 5 Jahren durchgeführt wurden. Nationale Gesellschaften der Psychologie entstanden sehr früh: USA 1882, Frankreich und England 1901, Deutschland 1904, Argentinien 1908. Der eigentliche Gründungsboom setzte nach dem 2. Weltkrieg ein, und führte dazu, daß um 1950 in praktisch allen Industrieländern nationale Gesellschaften für Psychologie bestanden (Rosenzweig, 1992).
Unter dem maßgeblichen Einfluß von Claparèdes wurde 1920 die Internationale Gesellschaft für Psychotechnik gegründet, die sich 1955 in International Association of Applied Psychology (IAAP) umbenannte. Sie ist damit die älteste internationale Psychologengesellschaft mit individuellen Mitgliedern aus mehr als 80 Ländern. Während des 2. Weltkrieges entstand der International Council of Psychologists (ICP) aus einer Initiative von Psychologinnen. Die Föderation nationaler Gesellschaften der Psychologie oder Wissenschaftsakademien mit psychologischen Abteilungen wurde 1954 gebildet – die International Union of Psychological Science (IUPsyS). Der ICP hält jährlich internationale Konferenzen ab, während alternierend von IAAP und IUPsyS alle zwei Jahre ein Weltkongreß durchgeführt wird (IAAP: San Francisco 1998, Singapur 2002, Athen 2006; IUPsyS: Stockholm 2000, Bejing 2004). Neben diesen drei Organisationen, welche die Gesamtheit der wissenschaftlichen Psychologie abzudecken beanspruchen, gibt es eine große Anzahl thematisch orientierter internationaler Gesellschaften, zu denen etwa die International Association of Cross-Cultural Psychology (IACCP) als eine der größten mit individueller Mitgliedschaft zählt.
Aufgrund der in ihr zusammengeschlossenen nationalen Psychologiegesellschaften kommt der IUPsyS in der weltweiten Vertretung der Psychologie ein besonderes Gewicht zu, so als Mitglied im International Social Science Council der UNESCO und im International Council of Scientific Unions (ICSU), dem weltweiten Zusammenschluß aller wissenschaftlichen Gesellschaften. Seit Ende der 90er Jahre bahnt sich in zunehmendem Maße eine enge Zusammenarbeit der großen internationalen Psychologiegesellschaften an. Durch eine Initiative der IAAP wurde anläßlich des Weltkongresses in San Francisco 1998 erstmals ein Weltforum der internationalen psychologischen Gesellschaften gegründet, an dem Präsidenten der 25 größten weltweiten Gesellschaften teilnahmen. Das Weltforum findet alle zwei Jahre während der Kongresse von IAAP und IUPsyS statt und wird gemeinsam von den Präsidenten dieser Organisationen geleitet. IAAP und IUPsyS verstärken ferner ihre Zusammenarbeit durch gemeinsame Arbeitstreffen ihrer Leitungsgremien, die in Abständen von etwa sechs Monaten stattfinden. Intention dieser Zusammenarbeit ist die Verbesserung der Vertretung der Disziplin Psychologie in allen relevanten Institutionen (z.B. Unterorganisationen der UNO). Es mag von Interesse sein, daß erstmals deutschsprachige Wissenschaftler zu Präsidenten von IUPsyS (Kurt Pawlik 1992-1996) und IAAP (Bernhard Wilpert 1994-1998, Michael Frese 2002-2006) gewählt wurden.
Neben den weltweiten internationalen Zusammenschlüssen der Psychologie entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere regionale Organisationen. Hierher gehören die Sociedad Interamericana de Psicologica (SIP), die Psychologen Süd- und Nordamerikas organisiert und bis 1999 bereits 27 Regionalkongresse abhielt; die 1981 als Föderation nationaler europäischer Psychologiegesellschaften gegründete European Association of Professional Psychologists Associations (EFPPA), die alle zwei Jahre den Europäischen Kongreß für Psychologie verantwortet (1999 Rom, 2001 Wien); die Asia-Oceanian Psychological Association (AOPA). Regionale Zusammenschlüsse widmen sich der Wahrnehmung vielfältiger geographisch begrenzter Interessen, unter anderem der Verbesserung der Kooperation von Wissenschaft und Praxis, Klärung und Vertretung berufsständischer Anliegen, Harmonisierung von Ausbildungsmaßnahmen und Reaktion auf Richtlinien zwischenstaatlicher Institutionen wie etwa der Europäischen Union, Entwicklung ethischer Richtlinien psychologischer Tätigkeit, Einbringung psychologischer Kompetenz zur Lösung gesellschaftlicher Probleme in der Region (Lunt & Poortinga, 1996; Lunt, 1998).

Internationale psychologische Publikationen und Datenbasen
Die Anzahl psychologischer Zeitschriften dürfte weltweit erheblich über 1.000 liegen. Jährlich erscheinen ca. 60.000 psychologische Veröffentlichungen als Bücher oder Buchbeiträge (Rosenzweig, 1992). Erwähnt sollen daher nur die wichtigsten Periodika werden, insbesondere die der internationalen Zusammenschlüsse der Psychologie. Die Zeitschrift der IAAP, Applied Psychology – an International Review, erschien 1999 bereits in ihrem 48., das International Journal of Psychology, die Zeitschrift der IUPsyS, in ihrem 34. Jahresband. Jüngeren Datums ist World Psychology, die Zeitschrift des ICP. Ein Beispiel für viele regionale Periodika ist der seit 1995 erscheinende European Psychologist. Von weltweiter Bedeutung sind jedoch des weiteren die 1950 begründete Annual Review of Psychology sowie die seit 1927 von der American Psychological Association veröffentlichten Psychological Abstracts. Daneben bestehen eine große Anzahl thematisch orientierter internationaler psychologischer Periodika.
In zunehmendem Maße macht sich die Psychologie neue Technologien der Information und Kommunikation zunutze. So gehen viele Verlage psychologischer Zeitschriften dazu über, den Zugriff auf ihre Zeitschriften über das Internet zu ermöglichen. Desgleichen können umfangreiche Datenbanken psychologischer Literatur über das Internet erschlossen werden: PsycLIT und Psyndex. Sie alle dienen dem Ziel, wissenschaftliche Veröffentlichungen der Psychologie weltweit verfügbar zu machen.

Inhaltliche Trends
Zum Ende des 20. Jahrhunderts hat die Psychologie in ihrer verhältnismäßig kurzen Geschichte im Kontext der Wissenschaften weltweit einen eindeutigen und sicheren Platz erworben. In den 90er Jahren kommt jedoch international eine Diskussion zu ihrem vorläufigen Höhepunkt, in der angesichts der weltweiten Differenzierung der Psychologie die mit ihr vermuteten zentrifugalen Kräfte thematisiert werden und die anläßlich des 22. Internationalen Kongresses für Psychologie der IAAP in Kyoto und in mehreren Zeitschriften (American Psychologist, International Journal of Psychology) ausgetragen wird. Es geht um die Frage: eine oder viele Psychologie(n)? Als auseinander strebende Kräfte werden dabei interne und externe Faktoren identifiziert. Zu internen Faktoren zählen unterschiedliche theoretische Positionen und Forschungsrichtungen mit damit einhergehenden Kommunikationsproblemen. Als externe Faktoren gelten u.a. sozio-ökonomischer Entwicklungsstand, der Zuwachs gesellschaftlicher Probleme und damit verbundene neue Anwendungsfelder der Psychologie, das Entstehen von Teildisziplinen. Ungezügelte Differenzierung birgt die Gefahr, daß die Psychologie der Gesellschaft und anderen Wissenschaften gegenüber ein inkohärentes Image bietet. Dem gegenüber werden jedoch auch zentripetale Kräfte vermerkt: weltweiter Konsens über die Hauptgebiete der Psychologie, gemeinsame Grundzüge der Ausbildung, gemeinsame Geschichte, gemeinsame internationale Organisationen und Publikationsorgane, rechtliche Verankerungen. Als Grundtenor dieser Diskussion über Einheit und Vielfalt der Psychologie läßt sich bislang festhalten: Nur eine Psychologie, aber vielfältige Anwendungsbereiche.
Eine der großen künftigen Herausforderungen für die weltweite Einheit der Psychologie verbindet sich mit dem Begriff der "Indogenisierung". Gemeint ist damit die Reaktion vieler Psychologen insbesondere aus Entwicklungsländern, die sich gegen die Dominanz westlicher "Mainstream-Psychologie" auflehnt, weil sie für die jeweiligen andersartigen kulturellen und geschichtlichen Traditionen dieser Länder als unangemessen, verfremdend und nachgerade kolonisierend erlebt wird. Gesucht werden theoretische und methodologische Zugänge zu einer "Forschung, die aus der Kultur hervorgeht, in der sie betrieben wird" (Adair, Puhan & Vohre, 1993:152). Es gehören hierzu auch gezielte Bemühungen, uralte verschüttete psychologische Einsichten der Kulturen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas wieder zum Tragen zu bringen. Die westliche Dominanzstellung der Psychologie wird hier als nur eine Variante ethnozentrischer, indogener Wissenschaft gewertet. Die inner-disziplinäre Herausforderung besteht nun darin, Grundlagen zu entwickeln, die es erlauben, die Einheit der Psychologie in ihrer weltweiten Vielfalt als Stärke der jungen Wissenschaft zu begreifen (Wilpert, 2000).

Literatur
Adair, J.G., Puhan, B.N., Vohra, N. (1993). Indigenization of Psychology: Empirical Assessment of Progress in Indian Research. International Journal of Psychology, 28 (2), 149-169.
Lunt, I. (1992) Educational psychology: the European dimension. Newsletter of the British Psychological Society, Scottish Division of Educational Psychology, 1, 1-6.
Lunt, I. (1998). Psychology in Europe: Developments, Challenges, and Opportunities. European Psychologist, 3(2), 93-103.
Lunt, I. & Poortinga, Y. H. (1996) Internationalizing Psychology. The Case of Europe. American Psychologist, 51 (5), 504-508.
Rosenzweig, M. R. (Ed.) (1992). International Psychological Science. Progress, Problems, and Prospects. Washington, DC: American Psychological Association.
Sexton, V.S. & Hogan, J.D. (Eds.) (1992). International Psychology. Views from around the world
. Lincoln & London: University of Nebraska Press.
Wilpert, B. (2000). Applied Psychology – past and future societal and scientific challenges. Applied Psychology, 26.

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